Gemeinwohlökonomie? Was ist das?


Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist ein zukunftsfähiges Wirtschaftsmodell, bei dem es in erster Linie um den Menschen und um die Umwelt geht. Um den Beitrag zum Gemeinwohl zu messen, hat die GWÖ die Gemeinwohlbilanz entwickelt. Diese misst mithilfe eines Punktesystems inwieweit die bewertete Institution die Werte „Menschenwürde“, „Solidarität & Gerechtigkeit“, „ökologische Nachhaltigkeit“ und „Transparenz und Mitentscheidung“ berücksichtigt. Diese Werte werden jeweils in den Bezugsfeldern Zuliefer*innen, Eigentümer*innen, Mitarbeiter*innen, Kund*innen und die Gesellschaft betrachtet, hinterfragt und schlussendlich bewertet. Die GWÖ hofft, dass langfristig Kund*innen sich für Institutionen entschieden, die einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten und dass diese auch politisch besser gefördert werden.


Theater und Gemeinwohl warum?


Wir arbeiten bereits seit vielen Jahren daran, uns ökologisch und sozial kontinuierlich zu verbessern. Menschenwürde, Demokratie, friedliches Zusammenleben und Achtung von Natur und Umwelt sind für uns die tragenden Pfeiler, auf denen unsere Arbeit aufbaut. Auch bei unserer Stückauswahl liegt der thematische Schwerpunkt auf den genannten Themenfeldern. Auf der Suche nach einer Zertifizierung im Bereich Nachhaltigkeit sind wir auf die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) gestoßen. Da ihre Ziele große Übereinstimmung mit unserer Philosophie aufweisen, stellte sie für uns die richtige Wahl dar. So begaben wir uns 2019/2020 auf die Reise, deren Ende wir nicht mit der Zertifizierung im Juli 2021 sehen. Vielmehr ist dies nur ein Etappenziel auf dem Weg, uns stetig weiterzuentwickeln. Im Folgenden möchten wir unsere Sichtweise auf die einzelnen Teilbereiche der Gemeinwohlbilanz aufzeigen. Den kompletten Bericht können sie hier downloaden.


Unser Umgang mit Lieferant*innen


Unsere zugekauften Produkte und Dienstleistungen werden so regional wie möglich bezogen, was eine Einhaltung der Menschenwürde vermuten lässt. Bei internationalen Zukäufen recherchieren wir auf den Homepages und fragen gegebenenfalls nach.


Trotz personeller Knappheit versuchen wir auf Solidarität und Gerechtigkeit in der Zulieferkette zu achten, im Zweifelsfall entscheiden wir uns für alternative Anbieter*innen. Einen guten Anhaltspunkt liefert dabei verstärkt das „Fair Trade“ Label.


Ökologische Nachhaltigkeit ist uns im Angesicht des Klimawandels besonders wichtig und wir verstehen sie ganzheitlich. Wir achten im Allgemeinen auf einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck und prüfen unsere Zu- und Einkäufe sorgfältig auf Langlebigkeit, Reparaturfähigkeit, Recyclingfähigkeit, Regionalität und bei Nahrungsmitteln auf Bioqualität.


In Bezug auf Transparenz und Mitentscheidung treten wir verstärkt in Kommunikation mit unseren Lieferanten*in. Sobald uns ein Missstand auffällt, weisen wir darauf hin, mit der Bitte, diesen zu beseitigen.


Fazit: Obwohl unser Einfluss klein ist können wir doch mit jeder einzelnen Entscheidung beeinflussen, welches Unternehmen – und somit welche langfristige Entwicklung – wir durch unseren Einkauf unterstützen.


Unser Umgang mit  Eigentümer*innen und Finanzpartner*innen


Als subventioniertes Theater, das einen jährlichen Haushaltsplan aufstellt und einen Verwendungsnachweis für unsere erhaltenen Förderungen vorlegt ist ein ethischer Umgang mit Geldmitteln Grundvoraussetzung. Bei uns steht der Mensch und sein Seelenheil im Mittelpunkt, Geld ist für uns lediglich Zahlungsmittel. Punkt!


Wir versuchen bezahlbare Kultur anzubieten, inklusive Ermäßigungen für finanziell Schwächere. In unseren Tickets ist die  integrierte Fahrkarte zur für den Kunden kostenlosen Anreise integriert. Auch bei der Auswahl der Stücke achten wir darauf, dass Solidarität und Gerechtigkeit thematisiert werden. Zudem bieten wir barrierearme Kinderstücke in leichter Sprache an.


Unsere Mittel werden – soweit es uns die gesetzlichen Vorgaben erlauben – ökologisch investiert. So haben wir beispielsweise bei den letzten gebäudespezifischen Sanierungsarbeiten Dämmung, Heizung und Sanitäranlagen unter ökologischen Gesichtspunkten auf den aktuellen Stand gebracht.


Da wir unser Theater als „Eigentum“ aller Beteiligten sehen, treffen wir die Entscheidungen weitestgehend im Team und im ständigen Austausch sowie größtmöglicher Transparenz mit unserem Publikum und durch die Verwendungsnachwiese auch mit den Fremdmittelgebern.


Fazit: Obwohl Geld und Kultur ein schwieriges Spannungsfeld darstellen, versuchen wir mit den gegebenen Mitteln ethisch, sozial, ökologisch und transparent zu arbeiten. Viele Langzeitinvestitionen können aufgrund starrer jährlicher Haushaltspläne leider nicht immer realisiert werden, hierfür müssten sich rechtliche Vorgaben ändern.


Unser Umgang mit Mitarbeitenden


Die Unternehmenskultur in unserem Team zeichnet sich durch gegenseitigen Respekt und Wertschätzung aus. Die Einhaltung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen sind für uns selbstverständlich, sei es bei einer freiwilligen Zahlung über dem Mindestlohn hinaus oder der Möglichkeit zum Homeoffice, soweit es der laufende Betrieb zulässt. Lohn- und Gehaltsanpassungen für die Mitarbeiter*innen werden automatisch in die Haushaltspläne eingearbeitet. Fortlaufende Weiterbildung des Personals sehen wir als selbstverständlich an. Dabei machen wir sowohl Angebote und sind ebenso offen für Vorschläge.


Bei der Ausgestaltung der Arbeitsverträge können die Arbeitszeiten flexibel gestaltet werden und wir versuchen persönliche Wünsche zu berücksichtigen. Ebenso erfolgt die Besetzung der Arbeitsfelder nach Interessen und Kenntnissen. Überstunden werden selbstverständlich erfasst und je nach Möglichkeit monetär vergütet oder mit Freizeit ausgeglichen.


Hinsichtlich ökologisch nachhaltiger Handlungsweisen werden unsere Mitarbeitenden laufend informiert und geschult. Es gibt ausschließlich vegetarisch-veganes Essen und das gesamte Team legt den Weg zur Arbeit – soweit möglich – mit dem Fahrrad, zu Fuß oder den Öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Konsum und Verbrauch im Theater werden laufend vom gesamten Personal kritisch hinterfragt und auf das Essentielle beschränkt.


Die Entscheidungen des Alltagsgeschäfts werden zu 100% mit den betroffenen Mitarbeitenden besprochen und abgestimmt. Dabei können alle im Rahmen ihrer fachlichen Kompetenz und ihrer Arbeitsbereiche projektintern selbstständig Entscheidungen treffen und umsetzen sowie regelmäßig eigene Vorschläge und Wünsche einbringen. Einmal im Jahr findet außerhalb des Theaterhauses eine mehrtägige Klausurtagung statt, was zum einen teambildend wirkt, zum anderen allen Beteiligten Raum gibt auch „größere“ Themen zu besprechen und größtmögliche Transparenz sicherzustellen.


Fazit: Durch die kleine Besetzung an unserem Haus begegnen sich alle Beteiligten auf Augenhöhe ohne erkennbares hierarchisches Gefälle. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in den regelmäßigen gemeinsamen Mittagessen, bei denen wir abwechselnd füreinander kochen (natürlich vegetarisch ;) ), wieder.


Unser Umgang mit Kund*innen und Mitunternehmern


Wir versuchen für unser Publikum auf vielen Wegen erreichbar zu sein und halten es über unser Haus und unser Programm mittels unserer Website, Newsletter, Postkarten und Soziale Medien auf dem Laufenden.   Durch die Vernetzung mit pädagogischen Einrichtungen erreichen wir Personen aus allen Lebensbereichen. Beim Thema Barrierefreiheit sind wir leider baulich eingeschränkt, versuchen hier jedoch durch individuelle Absprache vieles zu ermöglichen und wollen in Zukunft mehr Aufmerksamkeit darauf richten.


Die Beziehungen zu Mitunternehmen zeichnet sich im kreativ-respektvollen Umgang miteinander aus. Beispielsweise holen wir seit Beginn der Pandemie gezielt andere Theatergruppen ohne eigene feste Spielstätte ins Haus, um ihnen Aufführungen zu ermöglichen und den Zusammenhalt unter Kulturschaffenden zu fördern. Dazu gehört für uns auch der ständige Austausch und die Kooperation mit anderen Theaterhäusern Nürnbergs und den Figurentheaterhäusern in der Region z.B. durch gegenseitiges helfen, wenn größere Materialien untereinander verliehen werden.


Die ökologischen Auswirkungen durch Nutzung unseres Angebots sind per se als gering einzuschätzen. Theaterkonsum verursacht keine größeren ökologischen Schäden. Die entstehenden Emissionen durch die Anfahrt versuchen wir abzufedern, in dem wir seit vielen Jahren ein Kombiticket anbieten, wobei die Eintrittskarte als Fahrkarte für den Öffentlichen Nahverkehr gilt. Die angebotenen Getränke im Vorderhaus sind allesamt mit Bio-Siegel und zu 100% in Mehrwegflaschen abgefüllt (sogar der Wein ;) ).


Eine aktive Mitwirkung unserer Kund*innen ist bei uns gewollt und erwünscht. Bei Neuproduktionen gibt es immer ein Testpublikum, das aktiv Anregungen geben darf, bevor sie mit der Premiere abgeschlossen werden. Zudem gibt es nach jeder Vorstellung die Möglichkeit zum Gespräch und wir fragen regelmäßig die Meinungen unserer Zuschauer*innen ab. Auch Verbesserungsvorschläge für Abläufe im Haus sind jederzeit willkommen.


Fazit: In unserem Kerngeschäft leben wir einen guten Umgang mit Kund*innen und Mitunternehmer*innen, für die Zukunft wollen wir uns weiter öffnen. Dazu erarbeiten wir neue Formate, integrieren Laienspielgruppen, gehen Kooperationen mit bildenden Künstler*innen ein und arbeiten auch an theaterfremden Projekten mit.


Unser Umgang mit dem gesellschaftlichen Umfeld


Unsere Vorstellungen und Workshops dienen den Menschen. Sie sollen sinnstiftend wirken und als Seelennahrung für unser Publikum fungieren und somit die persönliche Entwicklung des Individuums fördern. Eine positive gesellschaftliche Wirkung ist uns wichtig und somit achten wir auch bei der Auswahl unseres Angebots auf den Bezug zu gesellschaftlich relevanten Inhalten.


Durch die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen und den damit verbundenen Beitrag zur Steuerzahlung leisten wir einen direkten Beitrag zum Gemeinwesen. Uns ist bewusst, dass wir durch Subventionen auch davon profitieren. Wir erwirtschaften allerdings keinen Gewinn, sondern verwenden sämtliche Förderungen, um unsere anderen Ziele zu verwirklichen, wodurch wir auch Räume der Begegnung und des kreativen Inputs schaffen.


Wir erkennen potenziell schädliche Umweltauswirkungen durch Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Reflektion. Ständiges weiterbilden und informieren schließt vorhandene Wissenslücken und durch Eigeninitiative suchen und finden wir alternative, möglichst umweltschonende, Lösungen. Mit dem Einstieg in die GWÖ haben wir begonnen CO2-Konten zu führen, um einen Überblick zu bekommen, wo Einsparungen möglich sind.


Offenheit gegenüber sämtlichen gesellschaftlichen Berührungsgruppen ist uns sehr wichtig. Alleine durch unsere Verwendungsnachweise sind wir größtmöglich transparent. Zusätzlich informieren wir in unserem Blog oder unseren Newslettern die interessierte Öffentlichkeit auch über Dinge jenseits unserer angebotenen Dienstleistungen und bieten somit einen Blick hinter die Kulissen. Und damit meinen wir nicht die Kulissen auf unserer Theaterbühne.


Fazit: Wir sehen uns als Teil der Gesellschaft und in der Verpflichtung, diese auch positiv mitzugestalten. Nicht zuletzt aus diesem Grund, haben wir eine Gemeinwohlbilanz erstellt und möchten diesen Prozess auch zukünftig weiterentwickeln.


Unsere Vision


Langfristig möchten wir hinsichtlich nachhaltiger Kulturarbeit eine Vorreiterrolle in der Branche einnehmen. Die große Hoffnung liegt dabei im Nachahmungseffekt durch andere Akteure*innen. Zusätzlich möchten wir Einfluss auf die Politik ausüben und darauf hinarbeiten, dass Subventionen nicht dahingehend bewilligt werden, dass man günstig arbeitet, sondern dass der nachhaltige Aspekt Teil der Förderkriterien wird. Auch wenn es dadurch zu höheren Erstinvestitionen kommt, die sich unserer Meinung nach aber langfristig auszahlen und sei es „nur“ im Sinne des Gemeinwohls.


Wir möchten ferner Zukunftsmodelle mit echten Begegnungen sichern, also Präsenzveranstaltungen, da digitale Lösungen nie das unmittelbare Kulturerlebnis und den Austausch vis à vis ersetzen können. Gleichzeitig möchten wir uns jedoch der digitalen Weiterentwicklung nicht verschließen, sondern diese integrieren und – wo es sinnvoll ist – ausbauen.  Das Finden einer neuen Betriebsstruktur sowie einer neuen Führungsform, vor allem im Hinblick auf den Generationenwechsel und somit der langfristigen Erhaltung unseres Hauses, stehen ebenfalls auf der Agenda.


Es mag ein Hirngespinst sein, aber der Gedanke, langfristig ein „Klimaneutrales Theaterhaus“ zu etablieren ist für uns eine Vision, die sicher noch vieler Schritte bedarf. Tief in uns glauben wir jedoch, dass jeder einzelne Schritt die Mühe wert ist.